In jener Zeit sprach Jesus zu den Jüngern: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott
und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre,
hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin
und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.
Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?
Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater
   außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.
Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.
Jesus sagte zu ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus?
Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin
und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke! Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.

Gedanken – Jesus Christus, der Weg, Wahrheit, Leben ist

In den letzten Wochen haben wahrscheinlich viele öfters als sonst oder vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben im Fernsehen religiöse Sendungen und Gottesdienste gesehen, gehört und mitgefeiert.

Dabei stößt man immer wieder auf Gottesdienste und Feiern anderer christlicher Konfessionen oder anderer Religionen. Ich habe letzten Sonntag zufälligerweise einen jüdischen Gottesdienst gesehen, der mich sehr angesprochen hat. Der Rabbiner vermittelte in dem, was er sagte und betete, ganz stark das Gefühl einer innigen Liebe zu Gott. Es ging natürlich auch um das rechte Verhalten im Leben und im Miteinander, aber prägend war ein herzliches Verbundensein mit Gott. Ein Gebet lautete ungefähr:

Innigster Freund, barmherziger Gott,…

köstlich ist mir deine Freundschaft, süßer als Honig.

Aus Liebe zu dir ist meine Seele krank.

Bitte Gott heile sie, zeig ihr deinen Glanz,

dann wird sie gestärkt und gesund…

Welch eine Nähe, Sehnsucht und Liebe zu Gott mit allen Fasern seines Lebens spricht aus so einem Gebet!

Im Sonntagsevangelium richtet der Apostel Philippus eine Bitte an Jesus, die den Kern des Christentums in Frage stellt. Er bittet Jesus: „Zeig uns den Vater, das genügt uns!“

Eine tiefe Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott kommt da zum Ausdruck, „Gott allein genügt!“ formuliert es einmal die große Hl.Teresa.

Philippus hat dabei ein Verständnis im Hinterkopf, dass Jesus zwar den Weg zum Vater zeigt, aber eigentlich im Letzten dann wegfallen kann und wird. Wenn man beim Vater ist, brauche man Jesus nicht mehr, denkt er, und traut sich das, Jesus zu sagen!

Jesus sagt aber anstößiger Weise, wer ihn sieht, sieht den Vater, wer ihm begegnet, begegnet Gott. Jesus ist so eins mit dem Vater, dass es da in gewissem Sinn keinen Unterschied gibt. Etwas früher hat Jesus zu Thomas gesagt: Niemand kommt zum Vater außer durch mich! Er sagt also, dass er selbst der einzige Zugang zum Vater ist. Jetzt ist das noch mehr zugespitzt: er als Person ist eine unmittelbare Berührung mit dem Vater. Wie ich nicht sagen kann, wenn mir jemand die Hand gibt, dass das „nur die Hand“ ist, er selbst aber etwas anderes wäre, so ist Jesus nicht etwas oder jemand anderer als der Vater.

Dieser Anspruch ist herausfordernd, weil sich immer die Frage stellt, was denn das für andere Religionen bedeutet. Ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Menschen, die an Jesus glauben eigenartigerweise nicht Jesuiten heißen, sondern Christen!! Offensichtlich übersteigt der Bezug zu Christus die begrenzte Figur des Jesus von Nazareth. Dieser begrenzte Mensch Jesus ist zugleich universal, für alle Menschen und alle Zeit über die physische Existenz in Jesus und über die physische Verkörperung in einer bestimmten Religion hinaus gegenwärtig und präsent. Paulus sagt es einmal: „Nach der Auferstehung eingesetzt als Sohn Gottes in Macht!“

Es gibt also keinen anderen Zugang zum Vater im Himmel als über Christus, weil in ihm alles geschaffen ist und existiert. Das umfasst eine Verbindung, die nicht nur ausdrücklich und bewusst, sondern oft unbewusst vorhanden ist. Jesus sagt zum Beispiel: „Was ihr dem Geringsten getan habt, habt ihr mir getan“, oder „Wer euch hört, hört mich.“ Das umfasst nicht nur irgendeine Konfession, nicht nur irgendein bestimmtes Glaubensbekenntnis, sondern eine Existenzweise, ein „Glauben“ im Lebensvollzug. Die Grenze zwischen denen, die drinnen sind und denen die draußen sind, denen, die zu Christus gehören oder nicht zu Christus gehören, liegt nicht dort, wo jemand sagt: „Herr, Herr!“, sondern dort, wo der Wille des Vaters getan wird, wo also im Heiligen Geist gelebt wird.

Aber Jesus war und ist bleibend anstößig konkret und unglaublich nahe der Berührungspunkt mit Gott. Nicht zusätzlich sondern ausdrücklich, wie wenn wir den Namen eines Menschen kennen, wie wenn zum Bild im Fernsehen der Ton dazugeschaltet wird, wie wenn jemand die Sonnenstrahlen als Sonnenstrahlen identifiziert, die ihn wärmen und ihn verbinden mit der Sonne selbst.

Die Herzlichkeit des jüdischen Gebetes, von dem ich anfangs berührt war, kann ein Stachel im Fleisch von uns Christen sein: ist unsere Freundschaft mit Jesus Christus so intensiv, prägt sie unser ganzes Leben, in unserem Denken Reden und Tun?